Antonio Vivaldi gehört heute zu den bekanntesten Komponisten des Barockzeitalters. Gegenüber der ungemeinen Popularität einiger seiner Instrumentalkonzerte bleibt sein Opernschaffen dem breiteren Publikum immer noch mehr oder weniger unbekannt. Vivaldi war jedoch in seiner Zeit ein angesehener Opernkomponist; aus den gedruckten Textbüchern sind mehr als 40 Opern bekannt, bei etwa Hälfte ist auch die Musik erhalten. Heute kommt es zu einer allmählichen Wiederbelebung von Vivaldis Opern. Jede neue Einstudierung überrascht die Zuhörer durch den typisch „vivaldischen“ Reichtum an melodischer Erfindung, sowie durch den außergewöhnlichen Sinn für das Ausdrücken von dramatischen Situationen, das einen ausgezeichneten Opernkomponisten verrät.
Ein besonderes Kapitel in der Vivaldi-Forschung stellt das Verhältnis des Komponisten zur Prager Italienischen Operngesellschaft dar, die in den Jahren 1724 bis 1734 im Palast des Grafen Sporck wirkte. Der Impresario der Operntruppe, der Venezianer Antonio Denzio, war ein Freund von Vivaldi, und eine ganze Reihe seiner Sänger wirkte vor der Ankunft in Prag in den venezianischen Premieren von Vivaldis Opern unter der Leitung des Komponisten mit. Vivaldi arbeitete für Denzio als Agent, das bedeutet, daß er ihm die Partituren der Opern-Neuheiten nach Prag zukommen ließ und ihm die Sänger auszusuchen und zu empfehlen pflegte. Die „Staggiona“ von Denzio führte in Prag insgesamt sechs Opern von Vivaldi auf; vier davon wurden jedoch bereits vorher in Italien aufgeführt, und eine war ein sogenanntes „Pasticcio“, also eine neue, aus älteren Arien zusammengefasste Oper.
Mit Recht liegt demnach das größte Interesse von Vivaldi-Forschern in der Oper „Argippo“, die in Prag im Herbst 1730 uraufgeführt wurde. Ausschließlich bei dieser Oper handelt es sich um ein originales Werk für Prag. Höchstwahrscheinlich leitete Vivaldi selbst die Aufführung. Für diese Hypotese gibt es leider bisher keinen direkten Beweis, in den Jahren 1729 bis 1730 wurde jedoch der Aufenthalt des Komponisten in Wien und Prag festgestellt. Die Oper „Argippo“ war bisher nur nach dem in der Prager Nationalbibliothek aufbewahrten Libretto-Erstdruck bekannt, die Musik wurde bis heute für verloren gehalten.
Am Ende des vorigen Jahres gelang es dem böhmischen Cembalisten und Dirigenten Ondrej Macek, im bayerischen Regensburg einen bedeutenden Teil von diesem vermißten Werk zu entdecken. Es handelt sich um einen anonymen Band von italienischen Opernarien aus der ersten Hälfte der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts. Es war möglich, Arien als Werke von L. Vinci, G. B. Pescetti und J. A. Hasse zu identifizieren. Den bedeutendsten Teil der Handschrift bilden jedoch die Arien, deren Texte mit dem Textbuch von der Prager Oper „Argippo“ ident sind. Die ausführliche Untersuchung der Provenienz der Handschrift, sowie die musikalische Analyse von den entdeckten Argippo-Arien beweisen eindeutig die Autorschaft Vivaldis.
Die Entdeckung wurde von der wissenschaftlichen Kommission des Italienischen Antonio-Vivaldi-Instituts in Venedig (Istituto Italiano Antonio Vivaldi) anerkannt und im Juni dieses Jahres in Venedig im Zuge der internationalen Konferenz „Antonio Vivaldi. Passato e Futuro (Antonio Vivaldi, Vergangenheit und Zukunft) präsentiert. Es folgte aus weiterer Forschung, daß die Regensburger Handschrift einen wesentlichen Teil der vermißten Oper darstellt. Dies führte dann zum Fund der weiteren Quellen, was die Rekonstruktion des kompletten Werkes in den möglichst authentischen Zustand ermöglichte. Die neuzeitliche Weltpremiere dieser „neuen“ Vivaldi-Oper wird durch das Barockensemble „Hofmusici“ unter der Leitung von Ondrej Macek im Jahre 2008 – im Jahre des 330. Jubiläums Vivaldis – dargeboten werden.

